Junge Gamsgeißen am Feldberg im Schwarzwald.
Gämse (Rupicapra rupicapra) gelten zusammen mit Murmeltieren und Steinböcken als die Charaktertiere der Alpen schlechthin. Dass in Deutschland Gämse aber auch außerhalb der Alpen ihre Fährten ziehen, ist wohl nur wenigen Menschen bekannt. Auf über 2.500 Stück Gamswild werden die Bestände in den deutschen Mittelgebirgen nördliche der Alpen geschätzt. Die vermutlich über Fernwechsel miteinander verbundenen Populationen erstrecken sich vom Süden Baden-Württembergs bis in die Mitte Bayerns. Aber auch in Sachsen kann man vereinzelt auf wandernde Gamsböcke aus dem nahen Tschechien treffen.

Zwei Gamsböcke auf der Schwäbischen Alb.

Fränkischer Gamsbock in der Brunft.

Fränkischer Gamsbock in der Brunft.

Junge Gamsgeiß.
Junge Gamsgeiß.
Gamsgeiß mit ihrem Kitz.
Gamsgeiß mit ihrem Kitz.
Mittelfränkische Gämse im Herbst.

Junge Gamsgeiß im Altmühltal im winterlichen Buchenwald.

Das weltweite Verbreitungsgebiet der Gämse zieht sich vom Atlantik im Nord-Westen Spaniens bis nach Russland und Georgien am Kaspischen Meer. Es wird zwischen der „Alpen“- und der „Südgams“, sowie weiteren wenigen Unterarten unterschieden. Das größte zusammenhängende Vorkommen erstreckt sich über den ganzen Alpenbogen von West nach Ost. Von dort aus steht die Alpengams über teils sehr weite Fernwechsel mit zahlreichen außeralpinen Lebensräumen in Verbindung.
Gämse sind sehr wanderfreudige Tiere - im jugendlichen Alter ständig auf der Suche nach neuen Lebensräumen. Sie sind entgegen der landläufigen Meinung nicht an das Hochgebirge gebunden, brauchen jedoch Steillagen, Felspartien, offenen Wald und felsnahe Grünflächen als Lebensraum. All diese Voraussetzungen finden sie auch in mehreren deutschen Mittelgebirgen und in den dort tief eingeschnittenen oder angrenzenden Flusstälern vor.
Die Scheibenfelsen im Zastlertal, der Wiege der Schwarzwaldgams.
Die Scheibenfelsen im Zastlertal, der Wiege der Schwarzwaldgams.
Eine der zahlreichen Blockhalden im Hochschwarzwald.
Eine der zahlreichen Blockhalden im Hochschwarzwald.
Die Lochen bei Balingen ist vermutlich die Wiege der Gämse auf der Schwäbischen Alb.
Die Lochen bei Balingen ist vermutlich die Wiege der Gämse auf der Schwäbischen Alb.
Typischer Lebensraum im Oberen Donautal.
Typischer Lebensraum im Oberen Donautal.
Aufgelassener Steinbruch in Mittelfranken.
Aufgelassener Steinbruch in Mittelfranken.
Beispielhafte Gamslebensräume in deutschen Mittelgebirgen.

Gamsgeiß im Mittleren Schwarzwald.

Nacheiszeitliche Funde belegen, dass Gämse in Deutschland besonders in den südwestdeutschen Mittelgebirgen weit verbreitet waren. Doch im Mittelalter führte eine unkontrollierte Bejagung und Wilderei schließlich zur Ausrottung der meisten Bestände. Trotzdem wurden bis in die Neuzeit immer wieder kleine Rudel oder Einzeltiere fernab der Alpen beobachtet und zum Teil sogar erlegt.
Primär aus jagdlichen Überlegungen wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts im Hochschwarzwald eine Initiative gegründet, den einzelnen eingewanderten Schwarzwaldgämsen eine dauerhafte Lebensgrundlage zu ermöglichen und ihre Verbreitung mittels Wiederansiedlung zu fördern.

Gamsgeiß mit ihrem Kitz im felsdurchsetzten Buchenwald im Oberen Donautal.

Nachdem sich der Wunsch einer natürlichen Zuwanderung in ausreichender Anzahl mit anschließender Fortpflanzung nicht erfüllte, wurden unter der Leitung des Forstamtes Kirchzarten insgesamt 21 Gämse aus Österreich importiert und im Zastlertal in der Nähe vom Feldberg ausgewildert. 
Den Krieg und die Besatzungszeit überstanden die Tiere nahezu unbeschadet, im Gegenteil, der Bestand wuchs auf mehrere hundert Stück an und verbreitete sich in alle Himmelsrichtungen. Bereits vor dem Krieg war das deutsch-französische Verhältnis zwischen Jägern und Forstleuten in Südbaden sehr gut und so versprachen die französischen Besatzer, das Gamswild zu schonen.  Als Dank wurden 1956 elf Gämse am Feldberg im Schwarzwald eingefangen und in den Vogesen in der Nähe von Ransbach ausgewildert. Heute wird der sich daraus entwickelte Bestand im Elsass auf mehr als 2.000 Stück geschätzt.

Alte und trächtige Gamsgeiß im Hochschwarzwald.

Halbseitig blinde Gamsgeiß in Begleitung von zwei Kitzen am Feldberg im Schwarzwald.

Ab den 50er Jahren entwickelten sich weitere Vorkommen, teils durch Zuwanderung, teils durch Auswilderung, auch im Donau- und Neckartal, auf der Schwäbischen und Fränkischen Alb, sowie im Altmühltal. Immer wieder drangen einzelne Stücke sogar bis auf eine Linie Karlsruhe - Nürnberg nach Norden vor oder schwammen durch den Rhein.
Die ersten Gämse der Schwäbischen Alb sind vermutlich aus dem Schwarzwald zugewandert. Inspiriert von der erfolgreichen Wiedereinbürgerung dort, wurden 1958 am Lochenpass bei Balingen weitere fünf Stück auf Bestreben der örtlichen Kreisjägervereinigung ausgewildert. 1963 brachen zusätzlich sieben Gämse aus einem Gehege bei Rottweil aus. In der Folge entstanden nachhaltige Vorkommen am Neckar und am Albtrauf, etwas später dann auch im nahen Donautal. Während sich die Bestände auf der Alb und im Donautal bis heute hielten, kommen am Neckar nur noch vereinzelt Gämse als Standwild vor.
Das Gamswild in der baden-württembergischen Adelegg und der bayerischen Kürnach ist vermutlich natürlichen Ursprungs und über Fernwechsel mit den nahen Allgäuer Alpen verbunden. Bis vor einigen Jahren gab es ein weiteres Vorkommen auf dem nahegelegenen Mittelgebirgskamm Sonneneck. Dieser fiel jedoch der lokalen Forstpolitik zum Opfer. Heute kommt dort Gamswild nur noch als seltenes Wechselwild vor. Immer wieder werden Gämse aber auch im Unter- und Ostallgäu, bis weit nördlich von Kempten, gespürt und gesichtet.
Woher die ersten fränkischen Gämse kamen, lässt sich indes nicht zuverlässig herleiten. Es halten sich Gerüchte, dass sie in einem besonders eisigen Winter (wie 1962/63) zugewandert sind. Andere sagen, der ortsansässige Besitzer eines Steinbruchs hätte sie ausgesetzt. Gesichert ist nur, dass der Nürnberger Tiergarten den bereits bestehenden Bestand in den späten 60er Jahren um einige Tiere zur Blutaufrischung aufstockte.

Mittelalter Gamsbock im Altmühltal.

Ein für Gamswild eher ungewöhnlicher Anblick: Gamsbrunft im Senf. Gämse zieht es bei Verfügbarkeit genauso in die landwirtschaftliche Flächen wie andere Wildarten auch. Ungewöhnlich ist der Anblick deshalb, da solche Flächen im Hochgebirge rar gesät sind, wir die Gams aber gedanklich mit dem Hochgebirge verbinden.

Gamswild ist im Anhang V der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) gelistet. Die FFH-Richtlinie ist eine Naturschutz-Zielvorgabe der EU und hat zum Ziel, wildlebende Arten und deren Lebensräume sowie die europaweite Vernetzung dieser Lebensräume zu sichern und zu schützen. 
Laut Anhang V ist für die Gams ein günstiger Erhaltungszustand sicherzustellen. Dieser muss systematisch und permanent überwacht werden. Über ein vorgeschriebenes Monitoring müssen Informationen über die Verbreitung der Art, den Zustand bzw. potentieller Gefährdung der Population und ihrer Lebensräume gesammelt werden. Bislang fand ein solches Monitoring in Deutschland nur auf dem Papier anhand von Schätzungen und dem Hochrechnen von Abschusszahlen statt. Zählungen wurden, wenn überhaupt, dann nur freiwillig und auf begrenztem Raum abgehalten. Aus Schätzungen leiten die Behörden dann wiederum die Abschussvorgaben für die kommenden Jahre ab. 
Als Folge von möglicherweise gewollten oder ungewollten realitätsfernen Schätzungen, steigen aber auch die Risiken der Überjagung oder Überhege und sukzessive der unkontrollierten Ab- oder Zunahme der Bestände, da häufig weitere bestandsreduzierende oder -fördernde Faktoren wie Nahrungsverfügbarkeit, Witterung, Klimawandel, Krankheiten und Raubtiere bei der Berechnung der Abschussvorgaben unberücksichtigt bleiben.
Seit dem Oktober 2020 steht das Gamswild in der Vorwarnliste der Roten Liste in Deutschland. Das heißt, die Art ist aktuell noch ungefährdet, verschiedene Faktoren könnten eine Gefährdung in den nächsten zehn Jahren aber herbeiführen. Erwähnt werden durch das BfN insbesondere die Aufhebung der jagdlichen Schonzeit in so genannten Sanierungsgebieten und eine unsachgemäße Bejagung ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht. Beide Faktoren haben bereits dazu geführt, dass die Gamsbestände vielerorts abnehmen.
Junge Gamsgeiß im Altmühltal.

Junge Gamsgeiß im Altmühltal.

Alter Gamsbock am Albtrauf.

Alter Gamsbock am Albtrauf.

Mangels valider Zahlen lässt sich der aktuelle außeralpine (wie auch der alpine) Bestand in Deutschland nur schätzen. Wenn man den unterschiedlichen Quellen Glauben schenken kann, beträgt dessen Höhe heute etwa 2.500 bis 3.000 Gämse. Vermutlich 80 bis 90 Prozent davon leben in Baden-Württemberg. Das Hauptvorkommen liegt mit etwa 1.900 Stück im Schwarzwald. 

Als erste Organisation in Deutschland startet nun die Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg ein populationsgenetisches Monitoring der Gämse im eigenen Bundesland. Anhand des Monitorings sollen Aussagen über die genetische Strukturverteilung bestehender Bestände, über Wanderrouten und Verbindungen zwischen den Vorkommen, sowie über die Identifikation künstlicher und landschaftlicher Barrieren getroffen werden.

Zwei Gamsgeißen im Mittleren Schwarzwald.

Herbstzeit ist Brunftzeit: blädernder Gamsbock.

In Bayern konzentrieren sich die bedeutendsten außeralpinen Gamsbestände auf ein Vorkommen in der Kürnach/Adelegg (länderübergreifend bis nach Baden Württemberg) und weiter im Norden auf einen wohlmöglich isolierten Bestand auf der Fränkischen Alb. Viele darüber hinaus bekannte Vorkommen im Randbereiche der Voralpen wurden Ende der 1980er-Jahre ausgelöscht. Auslöser war eine bayerische Richtlinie, die festschreibt, dass Gamswild, das seinen Lebensraum ausschließlich im Wald sucht, nicht gehegt werden darf. Diese Richtlinie hat weiterhin ihre Gültigkeit, weshalb der Bestand in der Kürnach nun in den Fokus des zuständigen Forstamts gerückt ist. Auf dem Papier beschränkt sich der Gamslebensraum in Bayern mithin auf solche Regionen, die oberhalb der Baumgrenze liegen. Den Bayerischen Staatsforsten wird nun vorgeworfen, die Gams in der Kürnach ausrotten zu wollen. Diese jedoch wehren sich vehement gegen den Vorwurf. Fakt ist jedoch, dass die geplanten Abschusszahlen in den letzten Jahren immer weiter erhöht wurden und in Summe wohl den Nachwuchs übertreffen, was dauerhaft zu einem deutlichen Bestandsrückgang führen kann.
Gamslebensraum in der Adelegg und Kürnach. Steile und enge Tobel zerschneiden die Mittelgebirgslandschaft.
Gamslebensraum in der Adelegg und Kürnach. Steile und enge Tobel zerschneiden die Mittelgebirgslandschaft.
Fast senkrechter Nagelfluhabriss.
Fast senkrechter Nagelfluhabriss.
Lokale Experten schätzen, dass derzeit zwei Rudel mit einer Gesamtgröße von 50 bis 60 Stück durch die Kürnach ziehen. Der letztjährige Abschussplan sah 28 Gämse verteilt auf 11 Reviere vor, was der Hälfte des Frühjahrsbestandes entspricht. Als Grund wurde hoher Wildschaden genannt. Erlegt wurden letztendlich nur 3 Stück. 
Einzelne Stimmen behaupten, dass die Gams in der Adelegg mangels Felsen überhaupt keinen natürlichen Lebensraum vorfinden kann. Richtig ist, dass Felsen großflächig fehlen. Dafür ist das Gebiet aber von tiefen, unwegsamen Tobeln und zahlreichen Nagefluhabbrüchen durchzogen, die felsartige Strukturen aufweisen und vom Gamswild erfolgreich zu Feindvermeidung genutzt werden können. Eine gemeinsame Initiative von Natur- und Jagdschutzvereinen möchte den Konflikt rund um die Gams in der Kürnach nun wissensbasiert befrieden. Dazu werden alle Akteure wie Grundeigentümer, Jagdpächter und Hegeringleiter in einen kooperativen Prozess eingebunden. Zusätzlich wird der Gamsbestand mittels Genotypisierung von Losung einer genauen Zählung unterworfen. Erste Ergebnisse werden bereits in 2021 erwartet.
Doch es tut sich noch mehr: kurz nach der bereits erwähnten Ankündigung der Wildforschungsstelle Baden-Württemberg über den Start eines Monitoring ihrer Gämse hat nun auch die bayerische Staatsministerin Michaela Kaniber ein dreijähriges Forschungsprojekt vorgestellt, welches Informationen über die Verbreitung der Gämse und deren Populationszusammensetzung im bayerischen Alpenraum anhand von Gewebeproben liefern soll. Das Projekt soll letztendlich auch die Spekulationen über zu hohe oder zu niedrige Abschusszahlen auf eine sachliche Ebene zurückführen.

Die Karte zeigt die Verbreitung des Gamswilds in Deutschland (ohne Sachsen). In Rot sind die Lebensräume gekennzeichnet, in denen Gamswild als Standwild vorkommt. Die gelben Linien stellen bestätigte Fernwechsel dar.

Waldgams in Mittelfranken
Waldgams in Mittelfranken
Waldgams in Mittelfranken
Waldgams in Mittelfranken
Waldgämse in Mittelfranken
Waldgämse in Mittelfranken
In Sachsen kommt Gamswild nur noch als sporadisches Wechselwild vor. 
Zwischen 1906 und 1936 wurden 23 Gämse aus Bayern, Österreich und der Schweiz im Elbsandsteingebirge ausgewildert. 1940 entkamen weitere Tiere bayerischer Herkunft aus einem Eingewöhnungs-Gatter. Während sich der Bestand in der Böhmischen Schweiz (auf tschechischer Seite) bis heute halten konnte und auf mehrere hundert Stück angewachsen ist, verschwanden die letzten Rudel in der Sächsischen Schweiz schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Danach kamen nur noch Einzeltiere in den Anblick. 
Als Hauptursache für das Verschwinden wird der wachsende Tourismus verantwortlich gemacht. Mehrfach konnte beobachtet werden, wie Gämse in den vereisten Sandsteinfelsen abstürzten, als sie vor plötzlich eintreffenden Menschen fliehen wollten. Erfreulicherweise wurde in den letzten Jahren wieder häufiger Gamswild auf deutscher Seite bestätigt, ja sogar fotografiert. Ab und an wird von Einzeltieren oder gar Kleinstrudeln aus dem Nationalpark Sächsische Schweiz und dem Zittauer Gebirge berichtet. Die Sächsisch-Böhmische Gamspopulation gilt geographisch als die nördlichste weltweit und unterliegt in beiden Ländern einer ganzjährigen Schonzeit.
Gamsgeiß in der Abendsonne.
Gamsgeiß in der Abendsonne.
Gamsgeiß im späten Frühling.
Gamsgeiß im späten Frühling.
Zu ihrem Leidwesen ist die Gams in der jüngsten Vergangenheit neben der Kürnach auch an anderen Orten außerhalb der Alpen in den Fokus von Interessenskonflikten geraten. Da gibt es auf der einen Seite die bereits durch andere Schalenwildarten ausgelösten Sorgen von Waldbesitzern und Förstern, dass nun auch Gamswild ihren Wald durch Verbiss am Wachstum hindert. Da gibt es Botaniker und Naturschützer, die eiszeitliche Reliktpflanzen auf exponierten Felsstandorten insbesondere im Donautal und am Albtrauf durch das Gamswild gefährdet sehen: Verbiss, Trittschäden, aber auch die Exkremente der Gämse hätten zu einem deutlichen Rückgang der streng geschützten Vegetation geführt. Sie fordern den Totalabschuss, da Gamswild aus ihrer Sicht in Baden-Württemberg nie heimisch war. 
Gämse auf einer Schotterhalde mit stark verbissenen Fichten. Die Triebe werden jedes Jahr so stark beäst, dass die Bäume in die Breite, jedoch nicht in die Höhe wachsen. Solche „Bonsai-Fichten“ konnte ich in den außeralpinen Lebensräumen aber jeweils nur auf sehr eng begrenztem Raum beobachten..

Gämse auf einer Schotterhalde mit stark verbissenen Fichten. Die Triebe werden jedes Jahr so stark beäst, dass die Bäume in die Breite, jedoch nicht in die Höhe wachsen. Solche „Bonsai-Fichten“ konnte ich in den außeralpinen Lebensräumen aber jeweils nur auf sehr eng begrenztem Raum beobachten.

Knospen, Triebe und Blätter gehören zur Grundnahrung der Gams.
Knospen, Triebe und Blätter gehören zur Grundnahrung der Gams.
Dessen Verbiss kann bei Kulturpflanzen zu einem ökonomischen Schaden führen.
Dessen Verbiss kann bei Kulturpflanzen zu einem ökonomischen Schaden führen.

Gamsgeiß verbeisst Buchensprößlinge.

Kritiker dieser Hypothese betonen, dass auch andere Ursachen, wie der Klimawandel oder der Mensch für die Schäden verantwortlich sein könnten. So hat eine Halbierung des Gamsbestands im Donautal zu keiner Erholung der Pflanzengemeinschaften geführt. Mittlerweile ist auch belegt, dass Gämse den Felsköpfen Nutzen stiften: sie tragen Samen in ihrem Fell und der Losung an neue Orte und arbeiten sie mit ihren Tritten in den Boden ein. Sie halten die Felsen frei von Schattenspendern wie Bäumen und Sträuchern, die ansonsten die genannten Reliktarten verdrängen würden. Eine Arbeit, die Menschen auf den besonders exponierten Felsen nur unter sehr hohem und kostspieligem Aufwand durchführen könnten. 
Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat 2019 nun eine über mehrere Jahre angesetzte Studie in Auftrag gegeben, welche den Einfluss der Gämse auf die Reliktpflanzen zum Inhalt hat. Während dieser Zeit soll der lokale Gamsbestand nicht in Frage gestellt werden. 

Typischer Gamslebensraum mit drei ruhenden Gämsen im Oberen Donautal. Die bereits erwähnten Reliktpflanzen wachsen bevorzugt auf solchen hier zu sehenden exponierten Felsköpfen und Vorsprüngen.

Auf der anderen Seite scheint die Zahl der Befürworter für Gämse in außeralpinen Bereichen sehr hoch zu sein. Besonderen Zuspruch erhält das Gamswild von der einheimischen Bevölkerung und deren Urlaubsgästen. Doch auch Jäger, Wildbiologen und Naturbeobachter kämpfen für dessen Erhalt. 
In Mittelfranken lassen sich auffällig viele Gämse mit sehr eng gestellten Krucken beobachten. Eine Laune der Natur oder bereits Zeichen von Inzucht?

In Mittelfranken lassen sich auffällig viele Gämse mit sehr eng gestellten Krucken beobachten. Eine Laune der Natur oder bereits Zeichen von Inzucht?

Eine junge Gamsgeiß aus Mittelfranken.

Gamsgeiß mit ihrem jungen Kitz.

Unabhängig vom Ort eines außeralpinen Gamsvorkommens ist mir aufgefallen, dass die Lebensräume vom Waldtyp und der Topographie her sehr identisch sind. Es dominieren Steilhänge mit Buchen- und Kiefernaltholz, durchsetzt von teils sehr schroffen und senkrechten Felswänden mit Schutt- bzw. Blockhalden. Dort wo solche Halden vorkommen, wirken sie wie ein besonderer Magnet. Daran angrenzend befinden sich in den Höhen- oder Tallagen immer offene Grünland-, teils auch bewirtschaftetet Ackerflächen. Je nachdem mit welcher Saat die Äcker bestellt sind, werden sie von den Gämsen zur Äsung aufgesucht. Konkret konnte ich Gamswild bislang in Raps- und Senffeldern beobachten. 
Junger fränkischer Gamsbock in Buchenhochwald.
Junger fränkischer Gamsbock in Buchenhochwald.
Junger Gamsbock auf der Fränkischen Alb
Junger Gamsbock auf der Fränkischen Alb
Ferner habe ich den Eindruck, dass die Sozialstruktur der außeralpinen Populationen gesünder als die, der in den bayerischen Alpen heimischen Gämsen ist. Fast überall konnte ich sehr alte Böcke und Geißen bestätigen. Die Stärke der Krucken ist subjektiv betrachtet gleich wie bei ihren Artgenossen in den Alpen. Auf der Fränkischen Alb konnte ich jedoch mehrere Stücke mit teils sehr eng stehenden Krucken beobachten. Hypothetisch könnte dies ein Zeichen von Inzucht sein.
Die außeralpinen Bestände scheinen vitaler und robuster als die Populationen der Alpen zu sein. So setzen die Geißen häufiger Zwillingskitze, was zu einer höheren Reproduktionsrate führt. Typische Krankheiten wie Gamsblindheit und Gamsräude sind flächendeckend bislang nicht aufgetreten. Vermutlich eine Folge des milderen Klimas und der längeren Vegetationszeit, aber auch des geringeren direkten Kontaktgeschehens zu Weidevieh und Schafen. Die Körpergewichte scheinen Studien zur Folge jedoch leicht niedriger als die der Gämse in den Alpen zu sein.
Gamsböcke auf der Schwäbischen Alb.
Gamsböcke auf der Schwäbischen Alb.
Gerissen oder natürlich verendet? Gamslauf in Mittelfranken.
Gerissen oder natürlich verendet? Gamslauf in Mittelfranken.
Zu guter Letzt noch ein paar Worte zur Sichtbarkeit. An einigen Orten lässt sich das Gamswild sehr gut beobachten, da es Touristen, Skifahrer und Mountainbiker gewohnt ist. Zumindest solange, wie sich die Menschen auf Wegen und Pisten aufhalten, ist das Fluchtverhalten relativ gering. Sobald die Wege aber verlassen werden, fliehen auch die Gämse zurück zu Ihren sicheren Zufluchtsorten. In anderen Gegenden wiederum sind die Gämse sehr scheu und suchen bei jeder kleinsten Störung das Weite auf. Als Ursachen konnte ich in diesen Fällen die bestätigte Anwesenheit von Luchsen oder aber erhöhten Jagddruck ausmachen.
Wie sich die außeralpinen Gamsbestände der Zukunft im Allgemeinen und im Besonderen in eher felsarmen Regionen bei der Anwesenheit von Wolf und Luchs entwickeln werden, lässt sich nur erahnen. Vermutlich müssen die Rudel den Umgang mit den Raubtieren zunächst einmal neu erlernen, da die Gams per se sehr neugierig und naiv ist. Empfindliche Verluste durch Luchse konnten bereits im Schwarzwald beobachtet werden. Da das Erlernte in der Regel an die nächsten Generationen weitergeben wird, werden auch die Gämse neue (alte) Strategien zur Feindvermeidung kreieren. Schließlich sind auch die mittelalterlichen Gämse der deutschen Mittelgebirge und Flusstäler nicht durch Raubtiere, sondern durch den Mensch verdrängt worden. Die Hoffnung besteht, dass sich dies im aktuellen Jahrhundert nicht wiederholen wird.
All die oben genannten Hypothesen und Beobachtungen möchte ich in den kommenden Monaten und Jahren durch Besuche von weiteren außeralpinen Gamsvorkommen ergründen und final in einem Buch zusammenfassen.

Gamsgeiß im herbstlichen Mittleren Schwarzwald.

Abendstimmung am Lochen bei Balingen.

Abendstimmung am Lochen bei Balingen.

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Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg am Landwirtschaftlichen Zentrum (LAZBW) (2020): Populationsgenetisches Monitoring von Gämsen in Baden-Württemberg
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    Stefanie Schenker (2017): Morgens mit den Gämsen in den Tag starten. meinbezirk.at
    Steven Ren Self (2018): Die Schwarzwaldgams, Abschlussarbeit Akademischer Jagdwirt
    Hermann Stoll (1949): Gemsen im Südschwarzwald
    Jana Ulbrich (2019): Gämsen im Zittauer Gebirge? Es gibt sie!, Sächsische Zeitung, 14.02.2019
    Gert Ungureanu (2017): Wir haben im Kreis keine Gämsenplage, Schwarzwälder Bote, 08.03.2017

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