Junge Gamsgeißen am Feldberg im Schwarzwald.
Gämse (Rupicapra rupicapra) gelten zusammen mit Murmeltieren und Steinböcken als die Symboltiere der Alpen schlechthin. Dass in Deutschland Gamsböcke auch außerhalb der Alpen ihre Fährten ziehen, ist wohl nur wenigen Menschen bekannt. Auf über 2.500 Stück Gamswild werden die Bestände in den deutschen Mittelgebirgen nördliche der Alpen geschätzt. Die vermutlich über Fernwechsel miteinander verbundenen Populationen erstrecken sich vom Süden Baden-Württembergs bis in die Mitte Bayerns. Aber auch in Sachsen kann man vereinzelt auf wandernde Gamsböcke aus dem nahen Tschechien treffen. Mein aktuelles Projekt widmet sich fotografisch und dokumentarisch diesen außeralpinen Beständen und deren Lebensräume in Deutschland und dem angrenzenden Ausland.
Gamswild fasziniert mich als leidenschaftlicher Wildtierfotograf schon seit meiner späten Jugend. Doch erst vor wenigen Jahren erfuhr ich eher zufällig über einen Zeitschriftenartikel, dass es nicht nur in den Alpen und dem Schwarzwald, sondern auch in anderen Regionen Deutschlands Vorkommen von Gamswild gibt. Meine Neugier wurde geweckt. 

Zwei Gamsböcke auf der Schwäbischen Alb.

Fränkischer Gamsbock in der Brunft.

Fränkischer Gamsbock in der Brunft.

Junge Gamsgeiß.
Junge Gamsgeiß.
Gamsgeiß mit ihrem Kitz.
Gamsgeiß mit ihrem Kitz.
Mittelfränkische Gämse im Herbst.
Das weltweite Verbreitungsgebiet zieht sich vom Atlantik im Nord-Westen Spaniens bis nach Russland und Georgien am Kaspischen Meer. Es wird zwischen der „Alpen“- und der „Südgams“, sowie weiteren wenigen Unterarten unterschieden. Die größte zusammenhängende Population erstreckt sich über den gesamten Alpenbogen von West nach Ost. Von dort aus stehen die Gämse teils über weite Fernwechsel mit denen in meinem Projekt behandelten außeralpinen Lebensräumen in Verbindung.
Die Gams ist ein sehr wanderfreudiges Tier - im jugendlichen Alter ständig auf der Suche nach neuen Lebensräumen. Sie ist entgegen der landläufigen Meinung nicht an das Hochgebirge gebunden, braucht jedoch Steillagen, Felspartien, Wald und angrenzende Grasflächen als Lebensraum. All diese Voraussetzungen findet sie auch in deutschen Mittelgebirgen sowie in dort tief eingeschnittenen oder angrenzenden Flusstälern.
Die Scheibenfelsen im Zastlertal, der Wiege der Schwarzwaldgams.
Die Scheibenfelsen im Zastlertal, der Wiege der Schwarzwaldgams.
Eine der zahlreichen Blockhalden im Hochschwarzwald.
Eine der zahlreichen Blockhalden im Hochschwarzwald.
Die Lochen bei Balingen ist vermutlich die Wiege der Gämse auf der Schwäbischen Alb.
Die Lochen bei Balingen ist vermutlich die Wiege der Gämse auf der Schwäbischen Alb.
Typischer Lebensraum im Oberen Donautal.
Typischer Lebensraum im Oberen Donautal.
Aufgelassener Steinbruch in Mittelfranken.
Aufgelassener Steinbruch in Mittelfranken.
Beispielhafte Gamslebensräume in deutschen Mittelgebirgen.
Nacheiszeitliche Funde belegen, dass Gämse in Deutschland besonders in den südwestdeutschen Mittelgebirgen weit verbreitet waren. Doch im Mittelalter führte eine unkontrollierte Bejagung und Wilderei schließlich zur Ausrottung der meisten Bestände. Trotzdem wurden bis in die Neuzeit immer wieder kleine Rudel oder Einzeltiere fernab der Alpen beobachtet und zum Teil sogar erlegt
Primär aus jagdlichen Überlegungen wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts im Hochschwarzwald eine Initiative gegründet, den einzelnen eingewanderten Schwarzwaldgämsen eine dauerhafte Lebensgrundlage zu ermöglichen und ihre Verbreitung mittels Wiederansiedlung zu fördern.

Gamsgeiß mit ihrem Kitz im felsdurchsetzten Buchenwald im Oberen Donautal.

Nachdem sich der Wunsch einer natürlichen Zuwanderung in ausreichender Anzahl mit anschließender Fortpflanzung nicht erfüllte, wurden unter der Leitung des Forstamt Kirchzarten insgesamt 21 Gämse aus Österreich importiert und im Zastlertal in der Nähe vom Feldberg erfolgreich ausgewildert. 
Den Krieg und die Besatzungszeit überstanden die Tiere nahezu unbeschadet, im Gegenteil, der Bestand wuchs auf mehrere hundert Stück an und verbreitete sich in der Folge in alle Himmelsrichtungen. Bereits vor dem Krieg war das deutsch-französische Verhältnis zwischen Jägern und Forstleuten in Südbaden sehr gut und so versprachen die französischen Besatzer, das Gamswild zu schonen.  Als Dank wurden 1956 elf Gämse am Feldberg im Schwarzwald eingefangen und in den Vogesen in der Nähe von Ransbach ausgewildert. Heute wird der sich daraus entwickelte Bestand im Elsass auf mehr als 2.000 Stück geschätzt

Alte und trächtige Gamsgeiß im Hochschwarzwald.

Halbseitig blinde Gamsgeiß in Begleitung von zwei Kitzen am Feldberg im Schwarzwald.

In den 50er Jahren entstanden weitere Kleinstpopulationen auch im Donau- und Neckartal, der Schwäbischen und Fränkischen Alb sowie im Altmühltal. Immer wieder drangen einzelne Stücke sogar bis auf eine Linie Karlsruhe - Nürnberg nach Norden vor oder schwammen durch den Rhein. In der Folge wurden weitere Stücke auf der Schwäbischen und Fränkischen Alb ausgewildert. In beiden Regionen hatte sich bereits Gamswild niedergelassen. 
Die Schwäbischen Gämse waren vermutlich aus dem Schwarzwald zugewandert. Inspiriert von der erfolgreichen Wiedereinbürgerung dort, wurden 1958 am Lochenpass bei Balingen auf Bestreben der örtlichen Kreisjägervereinigung weitere fünf Stück ausgewildert. 1963 brachen zusätzlich sieben Gämse aus einem Gehege bei Rottweil aus. 
Das Gamswild in der baden württembergischen Adelegg und der bayerischen Kürnach ist vermutlich natürlichen Ursprungs und über Fernwechsel mit den nahen Allgäuer Alpen verbunden. Bis vor einigen Jahren gab es darüber hinaus noch einen gesicherten Bestand auf dem nahegelegenen Mittelgebirgskamm Sonneneck. Dieser fiel jedoch der lokalen Forstpolitik zum Opfer. Heute kommt dort Gamswild nur noch als seltenes Wechselwild vor.
Woher die ersten fränkischen Gämse kamen, lässt sich nicht zuverlässig aus Quellen herleiten. Es halten sich Gerüchte, dass sie in einem besonders eisigen Winter zugewandert sind. Andere sagen, ein ansässiger Besitzer eines Steinbruchs hätte sie ausgesetzt. Gesichert ist nur, dass der Nürnberger Tiergarten den bereits bestehenden Bestand in den 60er Jahren um einige Tiere zur Blutaufrischung aufstockte.

Mittelalter Gamsbock im Altmühltal.

Ein für Gamswild eher ungewöhnlicher Anblick: Gamsbrunft im Senf. Gämse zieht es bei Verfügbarkeit genauso in die landwirtschaftliche Flächen wie andere Wildarten auch. Ungewöhnlich ist der Anblick deshalb, da solche Flächen im Hochgebirge rar gesät sind, wir die Gams aber gedanklich mit dem Hochgebirge verbinden.

Gamswild ist im Anhang V der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) gelistet. Die FFH-Richtlinie ist eine Naturschutz-Zielvorgabe der EU und hat zum Ziel, wildlebende Arten und deren Lebensräume sowie die europaweite Vernetzung dieser Lebensräume zu sichern und zu schützen.
Laut Anhang V ist für die Gams ein günstiger Erhaltungszustand sicherzustellen. Dieser muss systematisch und permanent überwacht werden. Über ein vorgeschriebenes Monitoring müssen Informationen über die Verbreitung der Art, den Zustand bzw. potentieller Gefährdung der Population und ihrer Lebensräume gesammelt werden. Bislang fand ein solches Monitoring in Deutschland nur auf dem Papier anhand von Schätzungen und dem Hochrechnen von Abschusszahlen statt. Zählungen werden wenn, dann nur freiwillig und auf begrenztem Raum abgehalten. Aus diesen Schätzungen leiten die Behörden dann wiederum die Abschussvorgaben für das kommende Jahr ab. Daraus folgend kann es zu einer Überjagung und sukzessive zu einer unkontrollierten Abnahme der Bestände kommen, da häufig weitere bestandsreduzierende Faktoren wie Witterung, Klimawandel, Krankheiten und Raubtiere unberücksichtigt bleiben.
Seit dem Oktober 2020 steht das Gamswild in der Vorwarnliste der Roten Liste in Deutschland. Das heißt, die Art ist aktuell noch ungefährdet, verschiedene Faktoren könnten eine Gefährdung in den nächsten zehn Jahren aber herbeiführen. Erwähnt werden durch das BfN insbesondere die Aufhebung der jagdlichen Schonzeit in Sanierungsbgebieten und eine unsachgemäße Bejagung ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht. Beide Faktoren haben bereits dazu geführt, dass die Gamsbestände vielerorts abnehmen.
Junge Gamsgeiß im Altmühltal.

Junge Gamsgeiß im Altmühltal.

Alter Gamsbock am Albtrauf.

Alter Gamsbock am Albtrauf.

Mangels valider Zahlen lässt sich der aktuelle außeralpine (bzw. auch der alpine) Bestand in Deutschland in der Konsequenz bislang nur schätzen.
Wenn man den unterschiedlichen Quellen Glauben schenken kann, beträgt dessen Höhe heute etwa 2.500 bis 3.000 Gämse. Vermutlich 80 bis 90 Prozent davon leben in Baden-Württemberg. Das Hauptvorkommen liegt mit etwa 1.900 Stück im Schwarzwald. 
Als erste Instanz in Deutschland startet die Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg nun ein populationsgenetisches Monitoring der Gämse im eigenen Bundesland.
Anhand des Monitoring sollen Aussagen über die genetische Strukturverteilung der in Baden-Württemberg bestehenden Gamswildpopulationen, über Wanderrouten und Konnektivität in der Gamsverbreitung und über die Identifikation landschaftlicher Barrieren getroffen werden.
In Bayern konzentrieren sich die außeralpinen Bestände auf Randbereiche der Voralpen. Zwei Inselvorkommen gibt es in der Kürnach/Adelegg (länderübergreifend bis nach Baden Württemberg) und auf der Fränkischen Alb. Viele bekannte Vorkommen wurden Ende der 1980er-Jahren ausgelöscht. Auslöser war eine bayerische Richtlinie, die festschreibt, dass Gamswild, das seinen Lebensraum ausschließlich im Wald sucht, nicht gehegt werden darf. Diese Richtlinie hat weiterhin ihre Gültigkeit, weshalb der Bestand in der Kürnach nun in den Fokus des zuständigen Forstamts gerückt ist. Auf dem Papier beschränkt sich der Gamslebensraum in Bayern mithin auf solche Regionen, die oberhalb der Baumgrenze liegen. Den Bayerischen Staatsforsten wird nun vorgeworfen, die Gams in der Kürnach ausrotten zu wollen. Diese jedoch wehren sich gegen den Vorwurf. Fakt ist jedoch, dass die geplanten Abschusszahlen in den letzten Jahren immer weiter erhöht wurden und in Summe den Nachwuchs übertreffen, was dauerhaft zu einem deutlichen Bestandsrückgang führen wird.
Gamslebensraum in der Adelegg und Kürnach. Steile und enge Tobel zerschneiden die Mittelgebirgslandschaft.
Gamslebensraum in der Adelegg und Kürnach. Steile und enge Tobel zerschneiden die Mittelgebirgslandschaft.
Fast senkrechter Nagelfluhabriss.
Fast senkrechter Nagelfluhabriss.
Lokale Experten schätzen, dass zwei Rudel mit einer Gesamtgröße von 50 bis 60 Tieren durch den bayerischen Teil der Adelegg, der Kürnach ziehen. Der aktuelle Abschussplan sieht 28 Stück Gamswild verteilt auf 11 Reviere vor, was der Hälfte des Frühjahrsbestandes entspricht. Als Grund wird hoher Wildschaden genannt. Einzelne Stimmen behaupten gar, dass die Gams in der Adelegg mangels Felsen überhaupt keinen natürlichen Lebensraum vorfindet. Richtig ist, dass Felsen großflächig fehlen. Dafür ist das Gebiet aber von tiefen, unwegsamen Tobeln und zahlreichen Nagefluhabbrüchen durchzogen, die felsartige Strukturen aufweisen und vom Gamswild erfolgreich zu Feindvermeidung genutzt werden.
Eine gemeinsame Initiative von Natur- und Jagdschutzvereinen möchte den Konflikt rund um die Gams in der Kürnach nun wissensbasiert befrieden. Dazu werden alle Akteure wie Grundeigentümer, Jagdpächter und Hegeringleiter in einen kooperativen Prozess eingebunden. Zusätzlich wird der Gamsbestand mittels Genotypisierung von Losung einer genauen Zählung unterworfen. Erste Ergebnisse werden bereits in 2021 erwartet.

Die Karte zeigt die Verbreitung des Gamswilds in Deutschland (ohne Sachsen). In Rot sind die Lebensräume gekennzeichnet, in denen Gamswild als Standwild vorkommt. Die gelben Linien stellen bestätigte Fernwechsel dar.

Waldgams in Mittelfranken
Waldgams in Mittelfranken
Waldgams in Mittelfranken
Waldgams in Mittelfranken
Waldgämse in Mittelfranken
Waldgämse in Mittelfranken
In Sachsen kommt Gamswild nur noch als sporadisches Wechselwild vor. 
Zwischen 1906 und 1936 wurden 23 Gämse aus Bayern, Österreich und der Schweiz im Elbsandsteingebirge ausgewildert. 1940 entkamen weitere Tiere bayerischer Herkunft aus einem Eingewöhnungs-Gatter. Während sich der Bestand in der Böhmischen Schweiz (auf tschechischer Seite) bis heute halten konnte und auf mehrere hundert Stück angewachsen ist, verschwanden die letzten Rudel in der Sächsischen Schweiz schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Danach kamen nur noch Einzeltiere in den Anblick. 
Als Hauptursache für das Verschwinden wird der wachsende Tourismus verantwortlich gemacht. Mehrfach konnte beobachtet werden, wie Gämse in den vereisten Sandsteinfelsen abstürzten, als sie vor plötzlich eintreffenden Menschen fliehen wollten. Erfreulicherweise wurde in den letzten Jahren wieder vermehrt Gamswild auf deutscher Seite bestätigt, ja sogar fotografiert. Ab und an wird von Einzeltieren oder gar Kleinstrudeln aus dem Nationalpark Sächsische Schweiz und dem Zittauer Gebirge berichtet. 
Die Sächsisch-Böhmische Gamspopulation gilt geographisch als die nördlichste weltweit und unterliegt in beiden Ländern einer ganzjährigen Schonzeit.
Gamsgeiß in der Abendsonne.
Gamsgeiß in der Abendsonne.
Gamsgeiß im späten Frühling.
Gamsgeiß im späten Frühling.
Zu ihrem Leidwesen ist die Gams in der jüngsten Vergangenheit in den Fokus von mehreren Interessenskonflikten geraten. 
Da gibt es auf der einen Seite die Waldbesitzer und Förster, die ihren Wald bedroht sehen: Gämse ernähren sich neben Gräsern und Kräutern auch von Knospen, Blättern und Blüten. Gerät der Leittrieb eines jungen Baums in den Äser einer Gams, so kann dies zu einem verzögerten Wachstum oder schlimmstenfalls zum Absterben des Baums führen. Aus der Sicht vieler Grundeigentümer und Forstwirte ein ökonomisches Desaster. 
Bäume schützen aber auch vor Erosion, Hangrutschen und Lawinen. Befindet sich unterhalb eines angeschlagenen Waldes eine Siedlung oder Verkehrswege, so kann im Extremfall eine Gefahr für Infrastruktur oder gar Menschen drohen.
Gämse auf einer Schotterhalde mit stark verbissenen Fichten. Die Triebe werden jedes Jahr so stark beäst, dass die Bäume in die Breite, jedoch nicht in die Höhe wachsen. Solche „Bonsai-Fichten“ konnte ich in den außeralpinen Lebensräumen aber jeweils nur auf sehr eng begrenztem Raum beobachten..

Gämse auf einer Schotterhalde mit stark verbissenen Fichten. Die Triebe werden jedes Jahr so stark beäst, dass die Bäume in die Breite, jedoch nicht in die Höhe wachsen. Solche „Bonsai-Fichten“ konnte ich in den außeralpinen Lebensräumen aber jeweils nur auf sehr eng begrenztem Raum beobachten.

Knospen, Triebe und Blätter gehören zur Grundnahrung der Gams.
Knospen, Triebe und Blätter gehören zur Grundnahrung der Gams.
Dessen Verbiss kann bei Kulturpflanzen zu einem ökonomischen Schaden führen.
Dessen Verbiss kann bei Kulturpflanzen zu einem ökonomischen Schaden führen.
Ferner gibt es Botaniker und Naturschützer, die eiszeitliche Reliktpflanzen auf exponierten Felsstandorten, insbesondere im Donautal und der Schwäbischen Alb durch das Gamswild gefährdet sehen: Verbiss, Trittschäden, aber auch die Exkremente der Gämse hätten zu einem deutlichen Rückgang der streng geschützten Vegetation geführt. Sie fordern den Totalabschuss, da Gamswild aus ihrer Sicht in Baden-Württemberg nie heimisch war. 
Kritiker dieser Hypothese betonen, dass auch andere Ursachen, wie der Klimawandel oder der Mensch für die Schäden verantwortlich sein können. So hat eine Halbierung des Gamsbestands im Donautal zu keiner Erholung der Pflanzengemeinschaften geführt. 
Die Landesregierung von Baden-Württemberg hat 2019 nun eine über mehrere Jahre angesetzte Studie in Auftrag gegeben, welche den Einfluss der Gämse auf die Reliktpflanzen zum Inhalt hat. Während dieser Zeit soll der lokale Gamsbestand nicht in Frage gestellt werden. 

Typischer Gamslebensraum mit drei ruhenden Gämsen im Oberen Donautal. Die bereits erwähnten Reliktpflanzen wachsen bevorzugt auf solchen hier zu sehenden exponierten Felsköpfen und Vorsprüngen.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Befürworter für Gämse in außeralpinen Bereichen. Besonderen Zuspruch erhält das Gamswild von der jeweils ansässigen Bevölkerung und deren Urlaubsgästen. Doch auch Jäger, Wildbiologen und Naturbeobachter kämpfen für dessen Erhalt. 
Denn wer dem Gamswild in den betroffenen Gebieten die Hauptschuld für auftretende Schäden gibt, denkt zu eindimensional und blendete viele Wirkungsmechanismen eines Ökosystems aus. So kommen neben dem Klimawandel weitere Ursachen in Frage: zu diesen gehören an vorderster Stelle Menschen, die durch einen zu hohen Freizeit- oder Jagddruck massive Störungen verursachen können. Aber auch eine zu einseitige Forstwirtschaft mit Monokulturen oder eine Überhege mit zu wenig Jagddruck können zu einem erhöhten Verbiss durch ein reduziertes Nahrungsangebot führen.
Doch Gämse können einem Biotop auch Nutzen stiften: sie tragen exemplarisch Samen in ihrem Fell und der Losung an neue Orte und arbeiten sie mit ihren Tritten in den Boden ein. Sie halten Felsen frei von Schattenspendern wie Bäumen und Sträuchern, die ansonsten die bereits genannten Reliktarten verdrängen würden. Eine Arbeit, die Menschen auf den besonders exponierten Felsköpfen nur unter sehr hohem und kostspieligem Aufwand durchführen könnten. Einfach die Abschusszahlen zu erhöhen ist somit häufig zu kurz gedacht
In Mittelfranken lassen sich auffällig viele Gämse mit sehr eng gestellten Krucken beobachten. Eine Laune der Natur oder bereits Zeichen von Inzucht?

In Mittelfranken lassen sich auffällig viele Gämse mit sehr eng gestellten Krucken beobachten. Eine Laune der Natur oder bereits Zeichen von Inzucht?

Eine junge Gamsgeiß aus Mittelfranken.

Eine junge Gamsgeiß aus Mittelfranken.

Gamsgeiß mit ihrem jungen Kitz.

Für die kommenden zwei Jahre habe ich mir vorgenommen, alle außeralpinen Lebensräume in Deutschland und dem grenznahen Ausland (dazu gehören die Vogesen, die Böhmische Schweiz und Salzburg) zu besuchen und fotografisch zu dokumentieren. Erste Eindrücke und ein paar einzigartige Bilder konnte ich bereits im Schwarzwald, am Albtrauf, auf der Schwäbischen und der Fränkischen Alb sammeln. Eine Auswahl davon findet man auf dieser Seite.
Junger fränkischer Gamsbock in Buchenhochwald.
Junger fränkischer Gamsbock in Buchenhochwald.
Junger Gamsbock auf der Fränkischen Alb
Junger Gamsbock auf der Fränkischen Alb
Unabhängig von den Standorten ist mir aufgefallen, dass die Lebensräume vom Waldtyp und der Topographie her sehr identisch sind. Es dominieren Steilhänge mit Buchenaltholz, durchsetzt von teils sehr schroffen und senkrechten Felswänden oder Schutt- bzw. Blockhalden. Daran angrenzend befinden sich in den Höhen- oder Tallagen offene Wiese, seltener auch Ackerflächen. Je nachdem mit welcher Saat diese bestellt sind, werden sie von den Gämsen zur Nahrungsaufnahme aufgesucht. Konkret konnte ich Gamswild bislang in Raps- und Senffeldern äsend beobachten. 
Ferner habe ich den Eindruck, dass die Sozialstruktur der außeralpinen Populationen gesünder als die der in den bayerischen Alpen heimischen Gämsen ist. Fast überall konnte ich sehr alte Böcke und Geißen fotografieren. In den Alpen fällt es mir sogar in einem Nationalpark, wie dem in Berchtesgaden schwer, wirklich reife Stücke vor die Kamera zu bekommen.
Die Stärke der Krucken ist subjektiv betrachtet ähnlich wie bei den Gämsen in den Alpen. Die Körpergewichte scheinen Studien zur Folge jedoch leicht niedriger zu sein. Auf der Fränkischen Alb konnte ich mehrere Stücke mit teils sehr eng stehenden Krucken beobachten. Hypothetisch könnte dies ein Zeichen von Inzucht sein.
Die außeralpinen Bestände scheinen vitaler und robuster als die Populationen der Alpen zu sein. So setzen Gamsgeißen fernab der Alpen häufiger Zwillingskitze, was zu einer höheren Reproduktionsrate führt. Typische Krankheiten wie Gamsblindheit und Gamsräude sind flächendeckend bislang nicht aufgetreten. Vermutlich eine Folge des milderen Klimas und der längeren Vegetationszeit, aber auch des geringeren direkten Kontaktgeschehens zu Weidevieh und Schafen.
Gamsböcke auf der Schwäbischen Alb.
Gamsböcke auf der Schwäbischen Alb.
Gerissen oder natürlich verendet? Gamslauf in Mittelfranken.
Gerissen oder natürlich verendet? Gamslauf in Mittelfranken.
Zu guter Letzt noch ein paar Worte zur Sichtbarkeit. An einigen Orten lassen sich die Gämse sehr gut beobachten, da sie Touristen, Skifahrer und Mountainbiker gewohnt sind. Zumindest solange diese sich auf Wegen und Pisten aufhalten, ist das Fluchtverhalten gering. Sobald die Wege aber verlassen werden, fliehen auch die Gämse zu Ihren sicheren Fluchtplätzen. An anderen Orten wiederum sind die Gämse sehr scheu und suchen bei jeder kleinsten Störung das Weite auf. Als Ursachen konnte ich in diesen Fällen die bestätigte Anwesenheit von Luchsen oder aber erhöhten Jagddruck ausmachen.
All die oben genannten Hypothesen und Beobachtungen möchte ich in den kommenden Monaten und Jahren weiter ergründen und final in einem Buch zusammenfassen.
Abendstimmung am Lochen bei Balingen.

Abendstimmung am Lochen bei Balingen.

Literaturverzeichnis
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Bundesamt für Naturschutz (2020): Rote Listen der Tiere, Pflanzen und Pilze Deutschlands, Ausgabe 2020 ff.
    Elliger, Dr. J. Arnold und P. Linderoth (2020): Jagdbericht Baden-Württemberg 2018/2019
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     im Schwarzwald und in den Vogesen und von Alpenmurmeltieren im Schwarzwald im Schwarzwald und in den Vogesen und von Alpenmurmeltieren im Schwarzwald
    Kreuzthaler Nachrichten (2011): Die Gams steigt jetzt ins Tal, Nr. 02 / 28. Ausgabe 
    Landesjagdverband Sachsen e. V. (2013), Wildtiererfassung 2011 im Freistaat Sachsen 
    Landtag von Baden-Württemberg (2019): Zerstörung geschützter Trockenvegetation in den Felslebensräumen im Oberen Donautal durch Gamswild, Drucksache 16/5800
    Landtag von Baden-Württemberg (2019): Gams im Donautal, Drucksache 16/3222 
Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg am Landwirtschaftlichen Zentrum (LAZBW) (2020): Populationsgenetisches Monitoring von Gämsen in Baden-Württemberg
    Steffen Maier (2017): Gämsen futtern sich durchs Naturschutzgebiet, Schwarzwälder Bote, 06.03.2017
    Dr. Christine Miller, Dr. Andreas Kinser, Hilmar Freiherr v. Münchhausen (2020): Die Gams in Europa, Deutsche Wildtier Stiftung
    U. Müller, M. Strein, R. Suchant (2003): Wildtierkorridore in Baden-Württemberg
    Stefanie Schenker (2017): Morgens mit den Gämsen in den Tag starten. meinbezirk.at
    Steven Ren Self (2018): Die Schwarzwaldgams, Abschlussarbeit Akademischer Jagdwirt
    Hermann Stoll (1949): Gemsen im Südschwarzwald
    Jana Ulbrich (2019): Gämsen im Zittauer Gebirge? Es gibt sie!, Sächsische Zeitung, 14.02.2019
    Gert Ungureanu (2017): Wir haben im Kreis keine Gämsenplage, Schwarzwälder Bote, 08.03.2017

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